Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnostik oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung wenden Sie sich bitte an eine Fachperson.
Du sitzt seit zwei Stunden vor dem Schreibtisch. Das Skript zum Hauptseminar liegt offen, der Cursor blinkt im leeren Word-Dokument, und du hast in der Zwischenzeit zum dritten Mal Instagram leergewischt, einen Espresso geholt und kurz die WG-Spülmaschine ausgeräumt. Die Hausarbeit ist in elf Tagen fällig. Du weißt das. Und trotzdem fühlt sich jeder Versuch, einfach anzufangen, an, als müsstest du dich gegen einen unsichtbaren Widerstand stemmen.
Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du in guter Gesellschaft. Prokrastination – das wiederholte Aufschieben wichtiger Aufgaben, obwohl du weißt, dass es dir später schadet – ist im Studium kein Randphänomen, sondern ein verbreitetes Muster. Dieser Artikel erklärt, woher dieses Aufschieben kommt, was wissenschaftlich gegen es hilft und wann es ein Hinweis auf etwas Tieferes sein kann. Du findest außerdem konkrete Anlaufstellen für Hilfe bei Prokrastination im Studium in Würzburg.
Aufschieben oder Prokrastination – wo verläuft die Grenze?
Aufschieben gehört zum Leben. Fast jeder Mensch verschiebt mal die Steuererklärung, das unangenehme Telefonat oder das Aufräumen. Das ist normal und harmlos. Prokrastination im klinischen Sinn ist mehr: ein wiederkehrendes, schwer kontrollierbares Aufschieben wichtiger Aufgaben trotz erkennbar negativer Folgen – verpasste Abgabefristen, schlechtere Noten, anhaltender innerer Druck.
Die psychologische Forschung beschreibt Prokrastination als eine Form gestörter Selbststeuerung. Eine vielzitierte Meta-Analyse über 691 Einzelstudien fand vier robuste Faktoren, die Aufschieben begünstigen (Steel, 2007):
Faktor 1
Aufgabenaversion
Die Aufgabe fühlt sich unangenehm, langweilig oder überfordernd an.
Je aversiver eine Aufgabe erlebt wird, desto wahrscheinlicher wird sie aufgeschoben.
Faktor 2
Belohnungsdistanz
Der Lohn – Note, Schein, Abschluss – liegt Wochen oder Monate weg.
Was sofort wirkt (Serie, Handy, Snack), gewinnt im Moment fast immer.
Faktor 3
Niedrige Selbstwirksamkeit
„Ich schaffe das eh nicht" oder „Es muss perfekt werden, sonst lieber gar nicht."
Wer sich eine Aufgabe nicht zutraut, weicht ihr aus – das ist ein gut belegter Mechanismus.
Faktor 4
Impulsivität
Es fällt grundsätzlich schwer, Belohnungen aufzuschieben oder bei einer Sache zu bleiben.
Häufig verbunden mit ADHS, aber auch in der Allgemeinbevölkerung verbreitet.
Das deutsche Standardwerk zur Behandlung kommt zur selben Einschätzung: Prokrastination ist kein Charakterfehler, sondern ein erlerntes Vermeidungsmuster (Höcker, Engberding & Rist, 2017).
Warum vor allem Studierende betroffen sind
Eine Untersuchung der Universitätsmedizin Mainz zeigte, dass Prokrastination bei jungen Erwachsenen besonders häufig auftritt – und dass Studierende deutlich häufiger aufschieben als gleichaltrige Berufstätige oder Auszubildende (Universitätsmedizin Mainz, 2016). Die Verbreitung in studentischen Stichproben reicht je nach Schwellenwert von 14 % (mit hohem Leidensdruck) bis 70 % (mit gelegentlichem Aufschieben), das fasst die Forschungsgruppe der Prokrastinationsambulanz Münster zusammen (Höcker, Engberding & Rist, 2017).
Das hat strukturelle Gründe, nicht charakterliche. Wenn du studierst, kommt mehrere Selbststeuerungs-Anforderungen gleichzeitig zusammen:
Wenig externe Struktur: Niemand kontrolliert täglich, ob du in die Bibliothek gehst. Belohnung – die Klausur, die Note, der Abschluss – liegt Monate weg.
Hohe Eigenverantwortung in einer Lebensphase großer Veränderungen: Auszug von zuhause, neue Stadt, neue Beziehungen, Identitätsfindung. Selbstregulation ist mit 19 nicht abgeschlossen, sondern entwickelt sich noch.
Diffuse Aufgaben: „Bis Februar eine Hausarbeit schreiben" ist kognitiv viel anstrengender als „bis 17 Uhr drei Akten bearbeiten" – und Aufgabenaversion ist laut Steel einer der stärksten Aufschiebe-Treiber.
In meiner Praxis erlebe ich oft, dass junge Erwachsene mit der Frage kommen, was mit ihnen „nicht stimmt". Die ehrlichste Antwort lautet meist: nichts. Was nicht funktioniert, ist die Strategie. Und Strategien lassen sich verändern.
Der Teufelskreis: Warum Vorsätze allein nicht reichen
Aus Sicht der Verhaltenstherapie folgt Prokrastination einem klaren Muster, das sich selbst aufrechterhält. Eine Aufgabe wirkt unangenehm – du schiebst sie auf – und spürst sofort Erleichterung. Diese Erleichterung wirkt im Gehirn wie eine Belohnung und macht das Aufschieben beim nächsten Mal wahrscheinlicher. Fachsprachlich heißt das negative Verstärkung: Ein unangenehmer Zustand verschwindet, das Verhalten, das ihn beendet hat, wird gelernt (Höcker, Engberding & Rist, 2017).
So entsteht der Aufschiebe-Kreislauf
1
Aufgabe wirkt aversiv
Die Hausarbeit fühlt sich überwältigend, langweilig oder bedrohlich an – etwa, weil du Angst hast, sie könnte schlecht werden.
2
Vermeidung
Du machst etwas anderes: Handy, Serie, Putzen, andere („dringendere") Aufgaben.
3
Kurzfristige Erleichterung
Der innere Druck lässt sofort nach. Das Gehirn verbucht: Aufschieben hat funktioniert.
4
Langfristige Verschlimmerung
Die Aufgabe wird größer, der Druck wächst, der Selbstwert leidet. Beim nächsten Mal ist die Hürde noch höher.
Das erklärt, warum gut gemeinte Vorsätze („Ab morgen ziehe ich das durch") meist scheitern: Sie ändern nichts an dem Muster, das das Aufschieben aufrechterhält. Wirksame Strategien setzen genau dort an.
Vier wissenschaftlich belegte Strategien gegen Aufschieben
Die folgenden Methoden stammen aus der Verhaltenstherapie und sind durch Studien gut abgesichert. Du kannst sie eigenständig ausprobieren – am besten konsequent über mindestens vier bis sechs Wochen, bevor du den Effekt bewertest.
Vier evidenzbasierte Strategien
1
Wenn-dann-Pläne (Implementation Intentions)
Statt „Ich lerne mehr" formuliere konkret: „Wenn ich montags um 9 Uhr aus der Vorlesung am Sanderring komme, gehe ich direkt in den Lesesaal und arbeite 45 Minuten an meiner Hausarbeit." Eine Meta-Analyse über 94 Studien fand für diese Technik mittlere bis große Effekte auf Zielerreichung (Gollwitzer & Sheeran, 2006).
2
Arbeitszeiten-Restriktion
Klingt paradox, ist aber Kernbaustein des Münsteraner Therapieprogramms: Plane bewusst kurze, klar begrenzte Arbeitsblöcke (z. B. 2 × 45 Minuten täglich) – und höre danach konsequent auf, auch wenn du gerade „im Flow" bist. So wird die Aufgabe wieder kalkulierbar, Erfolgserlebnisse häufen sich (Höcker et al., 2017).
3
Realistische Tagesplanung
Trag dir nicht acht Stunden Lernen ein, wenn du an guten Tagen vier schaffst. Ein Plan, den du regelmäßig nicht einhältst, untergräbt Selbstvertrauen. Plane, was realistisch ist – und feiere kleine erledigte Aufgaben.
4
Kleinster Schritt
Zerlege die Aufgabe so weit, dass der nächste Schritt unangenehm-banal klein ist: „Word öffnen", „eine Quelle markieren", „drei Sätze schreiben". Anfangen ist der schwierigste Teil – einmal in Bewegung, läuft der Rest oft von selbst.
Auch internet- und app-basierte Programme nach verhaltenstherapeutischem Konzept zeigen gute Wirksamkeit: Eine randomisierte Studie an 233 Studierenden konnte belegen, dass eine digitale KVT-Intervention das Aufschieben signifikant reduziert (Küchler et al., 2023).
Wann Aufschieben mehr ist als Aufschieben
Nicht jeder Mensch, der prokrastiniert, hat eine psychische Erkrankung – die meisten nicht. Aber ausgeprägtes, chronisches Aufschieben kann Symptom einer zugrunde liegenden Belastung sein, die unabhängig vom Aufschieben behandelt werden muss. Studien zeigen Zusammenhänge mit Depression, Angststörungen und ADHS – etwa die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS berichtet von ausgeprägtem Aufschiebeverhalten (ADHS Deutschland e. V.).
Aufschieben oder Symptom – worauf achten?
Eher gewöhnliches Aufschieben
Eher Hinweis auf eine Belastung
Tritt phasenweise auf, etwa vor unangenehmen Aufgaben
Ist über Monate konstant und betrifft fast jede Aufgabe
Du holst die Aufgabe rechtzeitig wieder ein
Fristen werden regelmäßig gerissen, Studium gerät ins Wanken
Du fühlst dich grundsätzlich gesund und belastbar
Schlaf, Stimmung, Selbstwert sind anhaltend angeschlagen
Klassische Selbsthilfe-Strategien helfen spürbar
Selbst strukturierte Pläne scheitern wiederholt
Prokrastination behandeln: Verhaltenstherapie in Würzburg
Wenn Selbsthilfe nicht reicht und Aufschieben dein Studium ernsthaft belastet, kann eine ambulante Verhaltenstherapie helfen. In meiner Praxis am Röntgenring orientiere ich mich am Konzept der Prokrastinationsambulanz Münster, das in Studien an Studierenden klinisch bedeutsame Verbesserungen gezeigt hat (Höcker et al., 2009).
So sieht der Therapie-Ablauf typischerweise aus
1
Erstgespräch und Diagnostik
Wir schauen gemeinsam: Was schiebst du auf, seit wann, wie stark? Wir nutzen u. a. den Prokrastinationsfragebogen für Studierende (Glöckner-Rist et al.) und prüfen, ob möglicherweise eine Depression, Angststörung oder ADHS mitspielt.
2
Individuelle Verhaltensanalyse
Welche Auslöser triggern bei dir konkret das Aufschieben? Welche Gedanken („Ich schaffe das eh nicht"), welche Gefühle (Angst, Langeweile, Überforderung)? Wir machen den Kreislauf sichtbar und besprechbar.
3
Arbeitszeiten-Restriktion und realistische Planung
Du baust mit fachlicher Begleitung ein neues Arbeitsmuster auf: kürzere, klar begrenzte Einheiten, regelmäßige Pausen, ehrliche Zwischenbilanzen.
4
Aufbau von Selbstwirksamkeit
Statt großer Vorsätze sammeln wir gezielt kleine Erfolgserlebnisse. Das Ziel: Du erlebst dich wieder als handlungsfähig, statt dich als „faul" zu erleben.
5
Begleitende Themen
Wenn nötig arbeiten wir auch an Perfektionismus, Selbstwert oder Prüfungsangst – Themen, die mit Prokrastination häufig verflochten sind.
Eine Therapie ist kein Schalter, der Aufschieben „abschaltet". Was sie kann: dir Werkzeuge an die Hand geben, mit denen viele Studierende deutlich entspannter und produktiver durch ihr Studium kommen – und gleichzeitig prüfen, ob hinter dem Aufschieben eine Belastung steht, die eigene Aufmerksamkeit braucht.
Hilfe bei Prokrastination im Studium in Würzburg
Du musst dich nicht entscheiden, ob du „krank genug" für Hilfe bist – die meisten Anlaufstellen sind explizit für Studierende mit ganz normalem Stress da. Je früher du dir Unterstützung holst, desto leichter ist die Veränderung.
Mehr darüber, wie sich eine Verhaltenstherapie in meiner Praxis konkret gestaltet, findest du auf der Seite Therapieablauf. Ein Überblick über die Behandlungsschwerpunkte zeigt, mit welchen Themen junge Erwachsene typischerweise zu mir kommen – und auch der Artikel Prüfungsangst in Würzburg kann ergänzend hilfreich sein, weil Aufschieben und Prüfungsangst sich häufig wechselseitig verstärken. Wenn du dir unsicher bist, ob mein Angebot passt, kannst du dich gerne unverbindlich melden – du findest weitere Informationen auf der Seite Psychotherapie für junge Erwachsene.
Information statt Diagnose
Dieser Artikel ersetzt keine Beratung und keine Therapie. Er fasst zusammen, was die psychotherapeutische Forschung über Prokrastination weiß, und verweist auf Wege, sich Unterstützung zu holen. Wenn du dich gerade in dem Aufschiebe-Kreislauf wiederfindest, ist das kein Beleg dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt – es ist ein gut beschriebenes, gut behandelbares Muster, das viele junge Menschen kennen. Der nächste kleine Schritt reicht.
Quellen und weiterführende Informationen
ADHS Deutschland e. V.: Prokrastination – Extremes Aufschieben. adhs-deutschland.de
Glöckner-Rist, A., Engberding, M., Höcker, A., & Rist, F.: Prokrastinationsfragebogen für Studierende (PFS). ZIS – GESIS. zis.gesis.org
Gollwitzer, P. M., & Sheeran, P. (2006): Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119.
Höcker, A., Engberding, M., Beißner, J., & Rist, F. (2009): Evaluation einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Intervention zur Reduktion von Prokrastination. Verhaltenstherapie, 18(4), 223–229. karger.com
Höcker, A., Engberding, M., & Rist, F. (2017): Prokrastination – Ein Therapiemanual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Hogrefe.
Küchler, A.-M. et al. (2023): StudiCare procrastination – Randomized controlled non-inferiority trial of an internet- and mobile-based intervention with digital coach targeting procrastination in college students. BMC Psychology, 11:273. bmcpsychology.biomedcentral.com
Steel, P. (2007): The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65–94. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17201571
Universitätsmedizin Mainz (2016): Prokrastination betrifft vor allem junge Menschen. presse.uni-mainz.de
Dieser Artikel wurde verfasst von Madlen Voigt, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. In meiner Praxis in Würzburg biete ich diagnostische und therapeutische Hilfe bei psychischen Belastungen an.
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