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7. März 2026 11 Min. Lesezeit Madlen Voigt

Essstörungen bei Jugendlichen erkennen: Warnsignale, Ursachen und wie Eltern helfen können

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnostik oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung wenden Sie sich bitte an eine Fachperson.

„Sie hat in den letzten Wochen kaum noch mit uns gegessen", erzählt eine Mutter über ihre 15-jährige Tochter. „Erst hieß es, sie sei beim Sport gewesen. Dann, sie habe schon in der Schule gegessen. Mittlerweile zählt sie Kalorien, läuft jeden Tag joggen – und ihre Lieblingshose schlackert." Andere Eltern berichten das Gegenteil: heimliche Essanfälle nachts, Süßigkeiten, die plötzlich verschwinden, Schamgefühle. Wieder andere bemerken, dass ihr Kind nur noch eine Handvoll Lebensmittel überhaupt isst – nicht aus Protest, sondern aus echter Angst vor allem anderen.

Essstörungen bei Jugendlichen sind häufiger, als die meisten Familien vermuten – und sie zeigen sich auf sehr unterschiedliche Weise. Laut der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts weisen knapp 20 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland Anzeichen einer Essstörung auf; bei 14- bis 17-jährigen Mädchen sind es sogar über 33 %. Der DAK-Kinder- und Jugendreport 2025 zeigt, dass die Behandlungszahlen seit der Pandemie auf einem hohen Niveau bleiben: 2024 waren bundesweit rund 23.000 jugendliche Mädchen wegen einer Essstörung in Behandlung.

Dieser Artikel hilft Ihnen zu verstehen, welche Formen es gibt, wie Sie Warnsignale erkennen, was hinter einer Essstörung stehen kann – und wie Sie als Elternteil ruhig, klar und unterstützend handeln.

Anzeichen einer Essstörung – Anteil pro Gruppe in Deutschland
Mädchen 14–17 J.33%
Alle Kinder & Jgdl.20%
Jungen (gesamt)12%

Quelle: KiGGS-Studie, Robert Koch-Institut

Die vier wichtigsten Formen einer Essstörung

Der Begriff „Essstörung" umfasst verschiedene Krankheitsbilder, die sich auf den ersten Blick stark unterscheiden – im Kern aber oft dasselbe ausdrücken: das Bemühen, mit schwer aushaltbaren Gefühlen, einem niedrigen Selbstwert oder Kontrollverlust irgendwie zurechtzukommen. Vier Formen sind klinisch besonders relevant.

Form 1

Anorexia nervosa (Magersucht)

  • Starke Angst zuzunehmen, oft trotz deutlichen Untergewichts
  • Strenges Kalorienzählen, restriktive Diäten, Auslassen von Mahlzeiten
  • Verzerrte Körperwahrnehmung („ich bin zu dick", obwohl objektiv unterernährt)
  • Häufig: exzessiver Sport, sozialer Rückzug, Frieren, Erschöpfung
Form 2

Bulimia nervosa (Bulimie)

  • Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, oft heimlich
  • Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, Abführmittel oder exzessiver Sport
  • Gewicht meist im Normalbereich – die Erkrankung bleibt deshalb oft lange unsichtbar
  • Starke Schamgefühle, Stimmungsschwankungen, Geheimhaltung
Form 3

Binge-Eating-Störung

  • Wiederkehrende Essanfälle mit großen Mengen in kurzer Zeit
  • Anders als bei Bulimie: keine kompensierenden Maßnahmen danach
  • Oft begleitet von Übergewicht, Schamgefühl und sozialem Rückzug
  • Das Essen dient meist der Bewältigung von Stress oder belastenden Gefühlen
Form 4

ARFID (vermeidend-restriktive Essstörung)

  • Stark eingeschränkte Auswahl an Lebensmitteln, oft sensorisch begründet
  • Angst vor Folgen wie Erbrechen, Ersticken oder Bauchschmerzen
  • Kein Wunsch nach Gewichtsabnahme, kein verzerrtes Körperbild
  • Seit 2022 in der ICD-11 anerkannt; betrifft Jungen und Mädchen etwa gleich häufig

Wichtig: Eine Essstörung wird nicht am Gewicht festgemacht. Auch normalgewichtige oder übergewichtige Jugendliche können schwer erkrankt sein. Was zählt, sind das gestörte Verhältnis zum Essen, die psychische Belastung und die Auswirkungen auf den Alltag.

Warnsignale, die Eltern ernst nehmen sollten

Frühwarnzeichen sind oft subtil. Jugendliche schämen sich, ziehen sich zurück und versuchen, ihr Verhalten zu verbergen. Das macht es so schwer, eine Essstörung früh zu erkennen – und gleichzeitig so wichtig, hinzuschauen.

Typische Warnsignale nach Bereichen
BereichWas Sie beobachten könnten
EssverhaltenHäufiges Auslassen von Mahlzeiten, Kalorienzählen, sehr enge Lebensmittelauswahl, ständiges Zubereiten von Essen für andere ohne selbst mitzuessen
Körper & BewegungSchnelle Gewichtsveränderungen (auf- oder abwärts), exzessiver Sport, Frieren, Erschöpfung, ausbleibende oder unregelmäßige Periode
Toilette & HeimlichkeitHäufige, lange Toilettengänge direkt nach den Mahlzeiten; verschwundene Lebensmittel; Essen verstecken oder heimlich hineinschlingen
KörperbildÜbermäßige Beschäftigung mit Gewicht, Aussehen, Spiegel; abwertende Aussagen über den eigenen Körper; weite Kleidung als Tarnung
Stimmung & SozialesStimmungsschwankungen, Reizbarkeit, sozialer Rückzug, Vermeidung gemeinsamer Mahlzeiten oder geselliger Anlässe (Geburtstage, Restaurantbesuche)

Quelle: TCE München; AWMF S3-Leitlinie Essstörungen 2024; DGKJP

Warum entsteht eine Essstörung?

Es gibt nicht die eine Ursache. Essstörungen entstehen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren – und es ist nie die Schuld der Eltern oder des Kindes allein.

  • Genetische und biologische Faktoren spielen eine größere Rolle als lange angenommen. Verwandte ersten Grades von Betroffenen haben ein deutlich erhöhtes Risiko (DGKJP / neurologen-und-psychiater-im-netz.org).
  • Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, geringes Selbstwertgefühl, hohe Leistungsorientierung und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation gehören zu den am besten belegten psychologischen Risikofaktoren.
  • Soziale und kulturelle Auslöser: Schlankheitsdruck, Social-Media-Vergleiche, Mobbing oder kritische Bemerkungen über den Körper – auch von Familienangehörigen oder Trainer:innen – können Auslöser sein.
  • Belastende Lebensereignisse wie Trennung der Eltern, Schulwechsel, Verlust einer Bezugsperson oder traumatische Erfahrungen erhöhen das Risiko (Universitätsklinikum Freiburg, 2024).

Eine Essstörung ist keine „Phase". Sie ist ein ernsthaftes Krankheitsbild – aber gleichzeitig eine, bei der frühe und gute Behandlung sehr viel bewirken kann.

Was Sie als Elternteil tun können – und was eher nicht hilft

In dem Moment, in dem Sie merken: „da stimmt etwas nicht", verändert sich vieles. Was Sie sagen und wie Sie reagieren, hat Einfluss – nicht weil Sie alles richtig machen müssen, sondern weil Ihr Kind Sie spürt.

Schritt für Schritt: ruhig, klar und nah bleiben
  1. 1
    Nicht über Gewicht oder Aussehen sprechen
    Vermeiden Sie Aussagen über das Aussehen oder die Essensmenge. Sprechen Sie stattdessen darüber, was Sie beobachten und was es mit Ihnen macht – etwa, dass Sie sich Sorgen machen, weil das gemeinsame Abendessen seit Wochen ausfällt. Solche Ich-Botschaften öffnen Türen, ohne Druck aufzubauen.
  2. 2
    Den Konflikt nicht zur Hauptsache machen
    Essen darf nicht zum täglichen Schlachtfeld werden. Verbieten oder Erzwingen funktioniert bei Essstörungen fast nie und kann die Erkrankung sogar verstärken. Halten Sie an gemeinsamen Mahlzeiten fest – aber ohne Druck. Die emotionale Verbindung ist wichtiger als die exakte Kalorienzahl auf dem Teller.
  3. 3
    Frühzeitig fachlichen Rat einholen
    Erste Anlaufstelle ist die Kinder- oder Hausärztin: Sie kann körperlich abklären und gegebenenfalls überweisen. Sie können sich auch direkt an eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin oder eine Essstörungs-Fachambulanz wenden – ein Verweis ist nicht nötig. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Aussichten.
  4. 4
    Sich selbst Unterstützung holen
    Eine Essstörung bei einem Kind ist auch für Eltern eine schwere Belastung. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder das BZgA-Elterntelefon (0800 22 55 530) entlasten – und helfen, im Alltag handlungsfähig zu bleiben. Sie helfen Ihrem Kind am besten, wenn es Ihnen selbst nicht zu schlecht geht.

Wie wird behandelt – und wie sind die Aussichten?

Die aktuelle AWMF S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen" (Reg.-Nr. 051-026, mit aktualisierter Patientenleitlinie 2024) empfiehlt eine an die jeweilige Form angepasste Therapie:

  • Bei Anorexia nervosa im Jugendalter ist die familienbasierte Therapie (FBT, „Maudsley-Ansatz") die empfohlene Behandlung der ersten Wahl. Die Eltern werden hier aktiv eingebunden und übernehmen anfangs die Verantwortung für die Wiederernährung – unter therapeutischer Begleitung. Schrittweise gibt das Behandlungsteam diese Verantwortung wieder an den Jugendlichen zurück (Charité Berlin, KJP-Klinik).
  • Bei Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) das wirksamste Verfahren – ein Ansatz, bei dem belastende Denkmuster, Auslöser von Essanfällen und alternative Bewältigungsstrategien systematisch bearbeitet werden.
  • Bei ARFID wird ebenfalls verhaltenstherapeutisch gearbeitet, oft in enger Zusammenarbeit mit Kinderärzt:innen und – bei sensorischen Themen – Ergotherapie.

Die Aussichten sind besser, als viele Familien zunächst befürchten. Bei früher Behandlung zeigen rund 60 % der Betroffenen deutliche Verbesserungen, und über 80 % finden langfristig den Weg zu einem gesunden Verhältnis mit dem Essen (zusammengefasst in der AWMF-Leitlinie 2024). Entscheidend sind: frühzeitiger Behandlungsbeginn, professionelle Begleitung – und die Bereitschaft der Familie, mitzugehen.

Hilfe bei Essstörungen für Jugendliche in Würzburg

Wenn Sie das Gefühl haben, dass aus dem Essverhalten Ihres Kindes mehr geworden ist als eine vorübergehende Phase, lohnt sich der Schritt zu einer fachlichen Einschätzung. In meiner Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Würzburg begleite ich Jugendliche und junge Erwachsene mit Essstörungen einfühlsam und auf Basis aktueller Leitlinien.

Auch in Würzburg und Umgebung gibt es ergänzende Anlaufstellen: die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Würzburg, die Erziehungsberatungsstelle der Stadt Würzburg sowie die kostenlose Telefonberatung der BZgA unter 0221 892031 oder online über bzga-essstoerungen.de. Erste Anlaufstelle bei körperlichen Bedenken bleibt die Kinder- oder Hausärztin.

Informationen zum Ablauf einer Therapie, zur Kostenübernahme sowie zu meinen Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahre finden Sie auf dieser Website. Wenn Sie sich Sorgen machen, melden Sie sich gerne – nehmen Sie jetzt Kontakt auf.

Quellen und weiterführende Informationen

  • Robert Koch-Institut / KiGGS-Studie: Prävalenz von Essstörungssymptomen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. statista.com
  • DAK-Gesundheit (2025): DAK-Kinder- und Jugendreport 2025 – Schwerpunkt Mädchengesundheit. dak.de
  • AWMF (2024): S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen" (Reg.-Nr. 051-026). register.awmf.org
  • AWMF (2024): Patientenleitlinie „Diagnostik und Behandlung von Essstörungen". register.awmf.org
  • Charité Berlin, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie: Familienbasierte Therapie (FBT) bei Essstörungen. charite.de
  • Universitätsklinikum Freiburg (2024): Essstörungen bei Kindern – Ursachen und Umgang für Eltern. uniklinik-freiburg.de
  • Universität Leipzig, Behavioral Medicine Research Unit (Hilbert/Schmidt, 2025): Leipziger ARFID-Studie. uni-leipzig.de
  • TCE München: Wie erkenne ich eine Essstörung? Leitfaden für Eltern und Angehörige. tce-essstoerungen.de
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Informationsportal Essstörungen. bzga-essstoerungen.de

Über die Autorin

Dieser Artikel wurde verfasst von Madlen Voigt, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. In meiner Praxis in Würzburg biete ich diagnostische und therapeutische Hilfe bei psychischen Belastungen an.

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