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21. Februar 2026 9 Min. Lesezeit Madlen Voigt

Selbstverletzung bei Jugendlichen: Was Eltern wissen und tun können

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnostik oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung wenden Sie sich bitte an eine Fachperson.

Beim Wäschewaschen fällt Ihnen etwas auf: feine, parallele Kratzer am Unterarm Ihrer 14-jährigen Tochter, die Sie vorher nie bemerkt haben. Oder Ihr Sohn trägt seit Wochen nur noch langärmelige Shirts – mitten im Sommer. Im Badezimmer finden Sie Pflaster und Verbandsmaterial, das Sie nicht gekauft haben. Und plötzlich steht da eine Frage im Raum, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht: Verletzt sich mein Kind absichtlich?

Selbstverletzung bei Jugendlichen ist für Eltern eines der beängstigendsten Themen überhaupt. Der erste Impuls – Schock, Angst, vielleicht auch Wut – ist völlig verständlich. Aber genau jetzt kommt es darauf an, besonnen zu reagieren. Dieser Artikel erklärt, was hinter selbstverletzendem Verhalten steckt, welche Warnsignale es gibt und was Sie als Elternteil konkret tun können, um Ihrem Kind zu helfen.

Was ist selbstverletzendes Verhalten?

Wenn Fachleute von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV) sprechen, meinen sie die absichtliche Schädigung des eigenen Körpers – ohne die Absicht, sich das Leben zu nehmen. Das ist ein wichtiger Unterschied, der viele Eltern im ersten Moment entlastet: Jugendliche, die sich selbst verletzen, wollen in der Regel nicht sterben. Sie suchen einen Weg, mit unerträglichen inneren Zuständen umzugehen (AWMF-Leitlinie NSSV, Plener et al., 2017).

Die häufigste Form ist das Ritzen oder Schneiden der Haut, meist an Unterarmen oder Oberschenkeln. Aber auch Kratzen bis Blut kommt, das Verbrennen der Haut oder sich selbst schlagen gehören dazu.

NSSV und Suizidgedanken: Ein wichtiger Unterschied
MerkmalNicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV)Suizidale Handlungen
AbsichtKein Wunsch zu sterben – Ziel ist kurzfristige ErleichterungAbsicht, das Leben zu beenden
FunktionEmotionsregulation: innere Anspannung abbauen, Gefühle spürenEntkommen aus einer als ausweglos erlebten Situation
HäufigkeitKann wiederholt und regelmäßig auftretenSeltener, aber medizinisch immer ernst zu nehmen
VerletzungsgradOft oberflächlich, aber nicht immerKann lebensbedrohlich sein
HandlungsbedarfFachliche Unterstützung einholen – ohne Panik, aber zeitnahImmer sofort handeln – Notaufnahme oder Krisentelefon

Quelle: Plener et al. (2017), AWMF-Leitlinie NSSV

Wie häufig ist Selbstverletzung bei Jugendlichen?

Viele Eltern glauben, selbstverletzendes Verhalten sei ein Randphänomen. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild.

Selbstverletzung bei Jugendlichen in Deutschland: Prävalenz
Jugendliche (mindestens einmal)25%
Mädchen (häufiger betroffen)33%
Jungen (oft verborgen)14%

Quelle: Plener et al. (2018), Deutsches Ärzteblatt International; Gillies et al. (2018), JAACAP

Studien zufolge hat etwa jeder dritte bis vierte Jugendliche in Deutschland mindestens einmal im Leben nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten gezeigt (Plener et al., 2018). Damit gehört Deutschland innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Raten.

Mädchen sind nach aktueller Forschungslage deutlich häufiger betroffen als Jungen (Gillies et al., 2018) – wobei Jungen ihr Verhalten häufiger verbergen und deshalb seltener Hilfe erhalten. Der typische Beginn liegt zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr, also in einer Phase, in der Jugendliche ohnehin mit starken emotionalen Veränderungen konfrontiert sind.

Diese Zahlen machen eines deutlich: Wenn Ihr Kind betroffen ist, sind Sie damit nicht allein. Und es ist kein Zeichen von Versagen als Elternteil.

Warum verletzen sich Jugendliche selbst?

Das ist die Frage, die Eltern am meisten beschäftigt – und die am schwersten auszuhalten ist. Die Antwort liegt fast immer in der Emotionsregulation: Die Selbstverletzung dient als Ventil für Gefühle, die sich anders nicht bewältigen lassen.

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind erlebt eine Welle aus Angst, Wut, Scham oder innerer Leere, die so überwältigend ist, dass nichts anderes mehr zu helfen scheint. Der körperliche Schmerz überlagert für einen Moment den seelischen Schmerz – und verschafft kurzfristig Erleichterung. Manche Jugendliche beschreiben es so: „Danach konnte ich wieder atmen.”

Häufige Auslöser und Risikofaktoren

Hinter der Selbstverletzung stehen fast immer tieferliegende psychische Belastungen. Häufig treten gleichzeitig Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen auf (Plener et al., 2018). Weitere Risikofaktoren können sein:

  • Traumatische Erfahrungen – etwa Gewalt, Vernachlässigung oder Verlust
  • Mobbing oder soziale Ausgrenzung in der Schule
  • Geringes Selbstwertgefühl und starke Selbstkritik
  • Schwierigkeiten, Gefühle auszudrücken oder zu regulieren
  • Familiäre Konflikte oder belastende Veränderungen im Umfeld
  • Social Media – aktuelle Forschung zeigt, dass Bilder von Selbstverletzung auf Plattformen wie Instagram oder TikTok den Drang zur Nachahmung bei gefährdeten Jugendlichen verstärken können (FWF-Forschungsprojekt, 2024/2025)

Warnsignale erkennen – worauf Eltern achten können

Jugendliche, die sich selbst verletzen, verbergen ihr Verhalten fast immer – aus Scham, aus Angst vor Reaktionen oder dem Gefühl, niemand könne sie verstehen. Umso wichtiger ist es, auf indirekte Hinweise zu achten.

Kein einzelnes Warnsignal ist ein Beweis. Aber wenn Sie mehrere dieser Anzeichen über einen längeren Zeitraum beobachten, ist es wichtig, nicht wegzuschauen – sondern behutsam das Gespräch zu suchen.

Was Eltern tun können – Schritt für Schritt

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) empfiehlt Eltern ein gestuftes Vorgehen. Die folgende Schrittfolge kann Ihnen als Orientierung dienen.

Was Eltern tun können – sechs Schritte
  1. 1
    Ruhe bewahren
    Ihr erster Impuls wird vielleicht Panik sein – oder Wut. Beides ist verständlich. Versuchen Sie dennoch, nicht vorwurfsvoll zu reagieren. Sätze wie „Wie konntest du das tun?” oder „Das machst du doch nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen” verschließen die Tür für jedes Gespräch.
  2. 2
    Sich informieren, bevor Sie handeln
    Lesen Sie sich in das Thema ein – genau das tun Sie gerade. Je besser Sie verstehen, was Selbstverletzung ist und was sie nicht ist, desto sicherer werden Sie im Umgang mit Ihrem Kind.
  3. 3
    Das Gespräch suchen – offen, aber ohne Druck
    Wählen Sie einen ruhigen Moment, in dem Sie sich emotional stabil fühlen. Fachleute raten, dem Kind mit „respektvoller Neugier” zu begegnen – also offen zu fragen, ohne zu drängen (DGKJP). Formulierungen wie „Ich habe etwas bemerkt und mache mir Sorgen. Ich möchte verstehen, wie es dir geht” öffnen eher eine Tür als Verhöre oder Ultimaten. Wenn Ihr Kind nicht sofort reden möchte, akzeptieren Sie das. Signalisieren Sie: „Ich bin da, wenn du bereit bist.”
  4. 4
    Selbstverletzung nicht unbewusst verstärken
    Das klingt widersprüchlich, ist aber ein wichtiger Punkt: Wenn die Selbstverletzung dazu führt, dass Ihr Kind plötzlich deutlich mehr Zuwendung und Nähe erfährt, kann das Verhalten unbewusst bekräftigt werden. Versorgen Sie die Wunde sachlich – aber führen Sie das tiefere Gespräch zu einem späteren, ruhigen Zeitpunkt.
  5. 5
    Professionelle Hilfe suchen
    Selbstverletzung ist ein ernstes Warnsignal, das fachliche Begleitung braucht. Eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin oder ein Kinder- und Jugendpsychiater kann einschätzen, welche Unterstützung Ihr Kind benötigt. Auch Erziehungsberatungsstellen können ein erster Anlaufpunkt sein.
  6. 6
    Auch für sich selbst Unterstützung annehmen
    Eltern, deren Kind sich selbst verletzt, stehen unter enormem emotionalem Druck. Es ist keine Schwäche, sich selbst Hilfe zu holen – sei es durch eine Beratungsstelle, eine Elterngruppe oder eigene therapeutische Begleitung.

Welche Therapie hilft bei Selbstverletzung?

Es gibt gute Nachrichten: Selbstverletzendes Verhalten lässt sich behandeln. Jugendliche können lernen, ihre Gefühle auf andere Weise zu regulieren – und die Selbstverletzung hinter sich zu lassen.

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A) hat sich in einer umfassenden Meta-Analyse als die wirksamste Behandlung bei Selbstverletzung erwiesen (Li et al., 2025). Sie vermittelt konkrete Strategien – sogenannte Skills – zum Umgang mit intensiven Gefühlen. Das können Atemübungen sein, das Halten von Eiswürfeln, körperliche Bewegung oder mentale Techniken, die helfen, Hochspannungsphasen zu überstehen, ohne sich selbst zu verletzen.

Auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hilft dabei, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, und stärkt die Fähigkeit, belastende Situationen anders zu bewerten.

Die Wirksamkeit der DBT-A ist durch mehrere kontrollierte Studien belegt: Sie reduziert nachweislich sowohl selbstverletzendes Verhalten als auch depressive Symptome bei Jugendlichen (Kothgassner et al., 2021). Entscheidend für den Therapieerfolg ist die Einbeziehung der Eltern – denn Veränderung geschieht nicht nur in der Therapiestunde, sondern vor allem im Alltag.

Kein Heilversprechen, aber Hoffnung: Psychotherapie kann Jugendlichen helfen, neue Wege im Umgang mit ihren Gefühlen zu finden. Viele junge Menschen schaffen es, das selbstverletzende Verhalten hinter sich zu lassen – besonders dann, wenn sie früh Unterstützung bekommen.

Hilfe bei Selbstverletzung in Würzburg

Wenn Sie bei Ihrem Kind selbstverletzendes Verhalten bemerken oder vermuten, zögern Sie nicht, sich Hilfe zu holen. Ein erstes Gespräch schafft Klarheit – und ist oft schon eine spürbare Entlastung.

In meiner Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Würzburg biete ich evidenzbasierte Verhaltenstherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit selbstverletzendem Verhalten an. Gemeinsam erarbeiten wir alternative Bewältigungsstrategien und stärken Selbstwert und emotionale Stabilität. Die Einbeziehung der Eltern ist dabei ein wichtiger Bestandteil.

Informationen zum Ablauf einer Therapie, zu Kosten und Kostenübernahme und zum Angebot für Jugendliche finden Sie auf dieser Website. Bei Fragen erreichen Sie mich direkt – nehmen Sie Kontakt auf.

Anlaufstellen bei akuter Krise:

  • Nummer gegen Kummer (Kinder- und Jugendtelefon): 116 111 – kostenlos und anonym
  • Elterntelefon: 0800 111 0550 – kostenlos und anonym
  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 – rund um die Uhr

Quellen und weiterführende Informationen

  • Brunner R et al. (2023): The prevalence of self-injury in adolescence: a systematic review and meta-analysis. European Child & Adolescent Psychiatry. springer.com
  • FWF/Scilog (2024/2025): Social Media als Trigger für Selbstverletzung – Forschungsprojekt der Universität Wien. scilog.fwf.ac.at
  • Gillies D et al. (2018): Prevalence and Characteristics of Self-Harm in Adolescents: Meta-Analyses of Community-Based Studies 1990–2015. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 57(10), 733–741.
  • Kothgassner OD et al. (2021): Efficacy of dialectical behavior therapy for adolescent self-harm and suicidal ideation: a systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine, 51(7), 1057–1067. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  • Li S et al. (2025): Comparative efficacy and acceptability of treatments for NSSI in children and adolescents: network meta-analysis. BMC Psychiatry, 25, 285. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
  • Neurologen und Psychiater im Netz / DGKJP: Was können Eltern tun? – Selbstverletzendes Verhalten. neurologen-und-psychiater-im-netz.org
  • Plener PL et al. (2017): Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Jugendalter: Klinische Leitlinie zur Diagnostik und Therapie. AWMF-Register Nr. 028/029 (S2k-Leitlinie). awmf.org
  • Plener PL et al. (2018): Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt International, 115(3), 23–30. aerzteblatt.de

Über die Autorin

Dieser Artikel wurde verfasst von Madlen Voigt, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. In meiner Praxis in Würzburg biete ich diagnostische und therapeutische Hilfe bei psychischen Belastungen an.

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