Schulangst und Schulverweigerung: Was steckt dahinter und wie Eltern jetzt helfen
Schulangst, Schulphobie oder Schwänzen? Was hinter Schulverweigerung steckt, woran Eltern Warnsignale erkennen und welche Therapie wirklich hilft.
Artikel lesenDieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnostik oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung wenden Sie sich bitte an eine Fachperson.
Beim Wäschewaschen fällt Ihnen etwas auf: feine, parallele Kratzer am Unterarm Ihrer 14-jährigen Tochter, die Sie vorher nie bemerkt haben. Oder Ihr Sohn trägt seit Wochen nur noch langärmelige Shirts – mitten im Sommer. Im Badezimmer finden Sie Pflaster und Verbandsmaterial, das Sie nicht gekauft haben. Und plötzlich steht da eine Frage im Raum, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht: Verletzt sich mein Kind absichtlich?
Selbstverletzung bei Jugendlichen ist für Eltern eines der beängstigendsten Themen überhaupt. Der erste Impuls – Schock, Angst, vielleicht auch Wut – ist völlig verständlich. Aber genau jetzt kommt es darauf an, besonnen zu reagieren. Dieser Artikel erklärt, was hinter selbstverletzendem Verhalten steckt, welche Warnsignale es gibt und was Sie als Elternteil konkret tun können, um Ihrem Kind zu helfen.
Wenn Fachleute von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV) sprechen, meinen sie die absichtliche Schädigung des eigenen Körpers – ohne die Absicht, sich das Leben zu nehmen. Das ist ein wichtiger Unterschied, der viele Eltern im ersten Moment entlastet: Jugendliche, die sich selbst verletzen, wollen in der Regel nicht sterben. Sie suchen einen Weg, mit unerträglichen inneren Zuständen umzugehen (AWMF-Leitlinie NSSV, Plener et al., 2017).
Die häufigste Form ist das Ritzen oder Schneiden der Haut, meist an Unterarmen oder Oberschenkeln. Aber auch Kratzen bis Blut kommt, das Verbrennen der Haut oder sich selbst schlagen gehören dazu.
| Merkmal | Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) | Suizidale Handlungen |
|---|---|---|
| Absicht | Kein Wunsch zu sterben – Ziel ist kurzfristige Erleichterung | Absicht, das Leben zu beenden |
| Funktion | Emotionsregulation: innere Anspannung abbauen, Gefühle spüren | Entkommen aus einer als ausweglos erlebten Situation |
| Häufigkeit | Kann wiederholt und regelmäßig auftreten | Seltener, aber medizinisch immer ernst zu nehmen |
| Verletzungsgrad | Oft oberflächlich, aber nicht immer | Kann lebensbedrohlich sein |
| Handlungsbedarf | Fachliche Unterstützung einholen – ohne Panik, aber zeitnah | Immer sofort handeln – Notaufnahme oder Krisentelefon |
Quelle: Plener et al. (2017), AWMF-Leitlinie NSSV
Viele Eltern glauben, selbstverletzendes Verhalten sei ein Randphänomen. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild.
Quelle: Plener et al. (2018), Deutsches Ärzteblatt International; Gillies et al. (2018), JAACAP
Studien zufolge hat etwa jeder dritte bis vierte Jugendliche in Deutschland mindestens einmal im Leben nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten gezeigt (Plener et al., 2018). Damit gehört Deutschland innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Raten.
Mädchen sind nach aktueller Forschungslage deutlich häufiger betroffen als Jungen (Gillies et al., 2018) – wobei Jungen ihr Verhalten häufiger verbergen und deshalb seltener Hilfe erhalten. Der typische Beginn liegt zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr, also in einer Phase, in der Jugendliche ohnehin mit starken emotionalen Veränderungen konfrontiert sind.
Diese Zahlen machen eines deutlich: Wenn Ihr Kind betroffen ist, sind Sie damit nicht allein. Und es ist kein Zeichen von Versagen als Elternteil.
Das ist die Frage, die Eltern am meisten beschäftigt – und die am schwersten auszuhalten ist. Die Antwort liegt fast immer in der Emotionsregulation: Die Selbstverletzung dient als Ventil für Gefühle, die sich anders nicht bewältigen lassen.
Stellen Sie sich vor, Ihr Kind erlebt eine Welle aus Angst, Wut, Scham oder innerer Leere, die so überwältigend ist, dass nichts anderes mehr zu helfen scheint. Der körperliche Schmerz überlagert für einen Moment den seelischen Schmerz – und verschafft kurzfristig Erleichterung. Manche Jugendliche beschreiben es so: „Danach konnte ich wieder atmen.”
Hinter der Selbstverletzung stehen fast immer tieferliegende psychische Belastungen. Häufig treten gleichzeitig Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen auf (Plener et al., 2018). Weitere Risikofaktoren können sein:
Jugendliche, die sich selbst verletzen, verbergen ihr Verhalten fast immer – aus Scham, aus Angst vor Reaktionen oder dem Gefühl, niemand könne sie verstehen. Umso wichtiger ist es, auf indirekte Hinweise zu achten.
Kein einzelnes Warnsignal ist ein Beweis. Aber wenn Sie mehrere dieser Anzeichen über einen längeren Zeitraum beobachten, ist es wichtig, nicht wegzuschauen – sondern behutsam das Gespräch zu suchen.
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) empfiehlt Eltern ein gestuftes Vorgehen. Die folgende Schrittfolge kann Ihnen als Orientierung dienen.
Es gibt gute Nachrichten: Selbstverletzendes Verhalten lässt sich behandeln. Jugendliche können lernen, ihre Gefühle auf andere Weise zu regulieren – und die Selbstverletzung hinter sich zu lassen.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A) hat sich in einer umfassenden Meta-Analyse als die wirksamste Behandlung bei Selbstverletzung erwiesen (Li et al., 2025). Sie vermittelt konkrete Strategien – sogenannte Skills – zum Umgang mit intensiven Gefühlen. Das können Atemübungen sein, das Halten von Eiswürfeln, körperliche Bewegung oder mentale Techniken, die helfen, Hochspannungsphasen zu überstehen, ohne sich selbst zu verletzen.
Auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hilft dabei, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern, und stärkt die Fähigkeit, belastende Situationen anders zu bewerten.
Die Wirksamkeit der DBT-A ist durch mehrere kontrollierte Studien belegt: Sie reduziert nachweislich sowohl selbstverletzendes Verhalten als auch depressive Symptome bei Jugendlichen (Kothgassner et al., 2021). Entscheidend für den Therapieerfolg ist die Einbeziehung der Eltern – denn Veränderung geschieht nicht nur in der Therapiestunde, sondern vor allem im Alltag.
Kein Heilversprechen, aber Hoffnung: Psychotherapie kann Jugendlichen helfen, neue Wege im Umgang mit ihren Gefühlen zu finden. Viele junge Menschen schaffen es, das selbstverletzende Verhalten hinter sich zu lassen – besonders dann, wenn sie früh Unterstützung bekommen.
Wenn Sie bei Ihrem Kind selbstverletzendes Verhalten bemerken oder vermuten, zögern Sie nicht, sich Hilfe zu holen. Ein erstes Gespräch schafft Klarheit – und ist oft schon eine spürbare Entlastung.
In meiner Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Würzburg biete ich evidenzbasierte Verhaltenstherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit selbstverletzendem Verhalten an. Gemeinsam erarbeiten wir alternative Bewältigungsstrategien und stärken Selbstwert und emotionale Stabilität. Die Einbeziehung der Eltern ist dabei ein wichtiger Bestandteil.
Informationen zum Ablauf einer Therapie, zu Kosten und Kostenübernahme und zum Angebot für Jugendliche finden Sie auf dieser Website. Bei Fragen erreichen Sie mich direkt – nehmen Sie Kontakt auf.
Anlaufstellen bei akuter Krise:
Dieser Artikel wurde verfasst von Madlen Voigt, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. In meiner Praxis in Würzburg biete ich diagnostische und therapeutische Hilfe bei psychischen Belastungen an.
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