ADHS im Studium: Wenn die Diagnose erst mit 19 kommt
ADHS im Studium erkennen: Warum die Diagnose oft erst nach der Schule kommt, wie sie bis 21 abläuft, was hilft und wie der Nachteilsausgleich funktioniert.
Artikel lesenDieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnostik oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung wenden Sie sich bitte an eine Fachperson.
Dritte Woche, Dienstagabend, ein Zimmer in der Zellerau oder im Wohnheim am Hubland. Die Vorlesung war okay, das Mensaessen auch. Und trotzdem sitzt du jetzt auf dem Bett, scrollst durch Fotos von zu Hause und fragst dich, warum alle anderen offenbar schon ihre Leute gefunden haben. In der Gruppe aus der Ersti-Woche wird gelacht, du schreibst nichts. Du vermisst dein altes Zimmer, deine Freunde, sogar den Streit mit deiner Schwester. Und du traust dich nicht, das irgendwem zu sagen, weil das Studium doch die beste Zeit des Lebens sein soll.
Wenn dir das bekannt vorkommt: Einsamkeit im Studium und Heimweh nach dem Studienstart gehören zu den häufigsten Erfahrungen junger Erwachsener, und sie gehen in den meisten Fällen vorbei. Dieser Artikel erklärt, warum der Anfang so vielen schwerfällt, was in den ersten Wochen wirklich hilft, woran du erkennst, dass es mehr ist als eine schwere Phase, und wo du in Würzburg Unterstützung findest.
Lange galten junge Erwachsene als die Altersgruppe mit den wenigsten Einsamkeitsgefühlen. Das hat sich umgekehrt. Im Pandemiejahr 2020 fühlte sich fast jeder dritte 18- bis 29-Jährige einsam, mehr als bei den über 75-Jährigen; 2021 war es noch jeder siebte und damit deutlich mehr als vor der Pandemie (Einsamkeitsbarometer 2024). Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kommt für 2024 auf einen noch höheren Wert: Rund jeder zweite junge Mensch in Deutschland fühlt sich moderat oder stark einsam (Bertelsmann Stiftung, 2024).
Quelle: Bertelsmann Stiftung 2024 (moderat oder stark einsam, junge Menschen gegenüber 36- bis 69-Jährigen); Einsamkeitsbarometer 2024 (Anteil einsamer 18- bis 29-Jähriger in den Jahren 2020 und 2021)
Der Studienstart verdichtet das. Innerhalb weniger Wochen fallen fast alle vertrauten Bezüge gleichzeitig weg: Familie, Freundeskreis, Schule, Verein, das eigene Zimmer. Neue Beziehungen müssen erst entstehen, und das dauert länger, als es in der Ersti-Woche aussieht. Dazu kommt ein Studium, das anders funktioniert als Schule: niemand merkt, wenn du fehlst, und die erste Rückmeldung kommt oft erst mit der Klausur im Februar. Belastungs- und Anpassungsreaktionen gehören bei 18- bis 25-Jährigen deshalb zu den häufigsten psychischen Diagnosen überhaupt (Barmer Arztreport, 2018). Das ist keine Schwäche einer Generation. Es ist die Folge eines Umbruchs, der mehr verlangt, als man ihm von außen ansieht.
Heimweh ist mehr als ein bisschen Sehnsucht. Fachleute beschreiben es als Belastung durch die Trennung von Zuhause, mit traurigen und ängstlichen Anteilen, Rückzug und der Schwierigkeit, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren als auf das, was fehlt (Thurber & Walton, 2012). Je nach Studie berichten zwischen einem Fünftel und zwei Dritteln aller Studienanfänger davon. Risikofaktoren sind angehäufter Stress, soziale Ängstlichkeit, ein Wechsel von Umgebung und Kultur und eine enge, aber unsichere Bindung an die Eltern.
Die gute Nachricht steckt im Verlauf: Heimweh ist in der ersten Woche am stärksten und nimmt bis etwa zur sechsten Woche deutlich ab, sobald der neue Ort vertraut wird und erste verlässliche Kontakte entstehen. Was diesen Prozess unterstützt, ist gut untersucht:
Das Tückische an Einsamkeit im ersten Semester ist der Vergleich. Du siehst die Gruppe, die zusammen in die Mensa geht, die Story vom WG-Abend, die Lerngruppe, die sich schon gefunden hat. Was du nicht siehst: dass viele in dieser Gruppe sich genauso fremd fühlen und nur deshalb dabei sind, weil sie in der Ersti-Woche zufällig nebeneinander saßen. Einsamkeit ist das Gefühl, dass die Beziehungen, die man hat, nicht zu dem passen, was man braucht. Sie hat wenig damit zu tun, wie viele Menschen um dich herum sind.
Dass sich das lohnt, aktiv anzugehen, zeigt die Hochschulforschung seit Jahrzehnten: Wer sozial eingebunden ist, bleibt eher im Studium und ist zufriedener damit. Im Studierendensurvey waren sozial gut integrierte Studierende zu 83 Prozent mit ihrer Fachwahl zufrieden, sozial isolierte nur zu 66 Prozent (Universität Konstanz, Studierendensurvey). Umgekehrt brechen 11 Prozent der Erststudierenden bereits in den ersten drei Semestern ab, und der häufigste genannte Grund sind nicht bewältigte Leistungsanforderungen (DZHW, 2022). Hinter „Leistung“ steht oft die Frage, ob jemand da war, mit dem man die Aufgaben besprechen konnte.
Die meisten kommen nach einigen Wochen an. Bei manchen bleibt es schwer, oder es wird schlimmer. Dann hilft es, die Reaktion einordnen zu können. Fachleute sprechen von einer Anpassungsstörung, wenn die Gedanken ständig um den Umbruch kreisen, als Grübeln, als Dauersorge, ob man das schafft, und wenn der Alltag darunter leidet: Schlaf, Konzentration, Selbstvertrauen, die Fähigkeit, überhaupt noch in die Vorlesung zu gehen. Die Beschwerden beginnen innerhalb eines Monats nach dem Ereignis und klingen in der Regel innerhalb von sechs Monaten ab, wenn die Belastung endet oder bewältigt wird (ICD-11). In der Allgemeinbevölkerung ist das selten, in Umbruchphasen deutlich häufiger.
| Merkmal | Schwere Anfangsphase | Hinweis auf eine Anpassungsstörung |
|---|---|---|
| Verlauf | Wird ab der dritten bis sechsten Woche spürbar besser | Bleibt über sechs bis acht Wochen gleich oder wird schlimmer |
| Gedanken | Vermissen, Unsicherheit, aber auch Neugier | Ständiges Grübeln und Sorgen, kaum abschaltbar |
| Schlaf und Konzentration | Einzelne schlechte Nächte, Stoff bleibt hängen | Über Wochen schlecht, Lernen kaum noch möglich |
| Verhalten | Manchmal lieber im Zimmer, aber Vorlesungen werden besucht | Vorlesungen, Lerngruppen und Kontakte werden vermieden |
| Alltag | Läuft, wenn auch mit Anstrengung | Mahlzeiten, Wäsche, Fristen rutschen weg |
Quelle: Eigene Darstellung nach den ICD-11-Kriterien der Anpassungsstörung. Keine Diagnose, eine Orientierung.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Depression: Kommen anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust an Dingen, die vorher Freude gemacht haben, Antriebslosigkeit und Appetitveränderungen über mehr als zwei Wochen dazu, kann eine Depression dahinterstehen. Beides ist gut behandelbar, und beides klärt sich nicht von allein durch Durchhalten. Eine aktuelle Zusammenfassung von 16 Studien mit mehr als 3.000 Teilnehmenden zeigt, dass Verhaltenstherapie bei Anpassungsstörungen hilft, auch in kurzen und digitalen Formaten (Psychiatry Research, 2025). Oft reichen wenige Sitzungen, in denen es darum geht, den Alltag wieder zu strukturieren, das Grübeln zu unterbrechen und die ersten sozialen Schritte zu planen und zu üben.
Wenn dein Kind nach dem Studienstart anruft und weint, ist der Impuls groß, es sofort nach Hause zu holen oder den Studienort infrage zu stellen. Meist ist das Gegenteil hilfreich. Was Eltern tun können: zuhören, ohne sofort eine Lösung zu liefern; Vertrauen aussprechen, dass das Kind diese Situation bewältigen kann; feste Telefonzeiten vereinbaren statt täglicher Nachfragen; zu Angeboten vor Ort ermutigen und, wenn gewünscht, gemeinsam Beratungsstellen heraussuchen. Hellhörig werden sollten Eltern, wenn ihr Kind über Wochen nicht mehr in die Uni geht, sich komplett zurückzieht oder Andeutungen macht, dass es keinen Sinn mehr sieht. Dann ist es richtig, aktiv zu werden, und zwar gemeinsam mit dem Kind, nicht über seinen Kopf hinweg.
Würzburg ist eine Studierendenstadt, und das bedeutet auch: Es gibt viele Anlaufstellen, die genau für diese Phase da sind, die meisten kostenlos.
Bist du noch keine 21, ist meine Praxis eine weitere Möglichkeit. Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin beschäftige ich mich beruflich genau mit dieser Übergangsphase zwischen Elternhaus, Schule und eigenständigem Leben. Was eine Therapie kostet, wer sie bezahlt und was deine Eltern davon erfahren, erkläre ich im Artikel Therapie als Student: Kosten, Familienversicherung und Vertraulichkeit. Wenn Prüfungsangst oder Aufschieben den Start zusätzlich schwer machen, helfen die Artikel zu Prüfungsangst und Prokrastination im Studium. Mehr über mein Angebot steht auf der Seite Psychotherapie für junge Erwachsene in Würzburg.
Dieser Artikel ersetzt keine Beratung und keine Therapie. Er fasst zusammen, was die Forschung über Heimweh, Einsamkeit und Anpassungsreaktionen beim Studienstart weiß, und zeigt Wege, sich Unterstützung zu holen. Wenn du dich in der Szene vom Anfang wiedererkannt hast: Das geht sehr vielen so, die meisten kommen an, und für die, bei denen es länger dauert, gibt es gute Hilfe.
Ja. Rund jeder zweite junge Mensch in Deutschland fühlt sich moderat oder stark einsam, und der Studienstart ist eine der Lebensphasen, in denen fast alle sozialen Bezüge gleichzeitig neu entstehen müssen. Dass sich das in den ersten Wochen einsam anfühlt, ist kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es wird meist von selbst besser, sobald erste verlässliche Kontakte entstehen.
Heimweh ist in den ersten Wochen am stärksten und nimmt in der Regel bis etwa zur sechsten Semesterwoche deutlich ab. Es hilft, Kontakt nach Hause in festen Abständen zu halten statt ständig, am neuen Ort schnell Routinen aufzubauen und nicht jedes Wochenende nach Hause zu fahren. Bleibt das Heimweh über Monate stark oder nimmt es zu, lohnt sich ein Gespräch mit einer Beratungsstelle.
Hellhörig solltest du werden, wenn deine Gedanken ständig um den Umbruch kreisen, du über Wochen schlecht schläfst, dich nicht konzentrieren kannst, Vorlesungen und Kontakte vermeidest und sich das Gefühl auch nach sechs bis acht Wochen nicht bessert. Fachleute sprechen dann von einer Anpassungsstörung. Kommen anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Antriebslosigkeit dazu, kann auch eine Depression dahinterstecken. Beides ist gut behandelbar.
Zuhören, ohne sofort eine Lösung zu liefern, und Vertrauen zeigen, dass das Kind die Situation bewältigen kann. Hilfreich sind feste Telefonzeiten statt täglicher Nachfragen, Ermutigung zu Angeboten vor Ort und das Angebot, gemeinsam Beratungsstellen herauszusuchen. Nicht hilfreich ist, das Kind jedes Wochenende nach Hause zu holen oder den Studienort infrage zu stellen, solange es nicht selbst darum bittet.
Die Zentrale Studienberatung der Universität Würzburg berät zu allen Fragen des Studienstarts. Die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks (0931 8005-101) bietet Einzelberatung und Gruppen. KHG und ESG haben kostenlose, anonyme Beratung von Studierenden für Studierende. Bis zum 21. Geburtstag ist auch eine Privatpraxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie eine Anlaufstelle. In akuten Krisen hilft der Krisendienst Bayern rund um die Uhr unter 0800 655 3000.
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